let's lead – führ dich, führ andere
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#153 Achtung, Moral-Invasion!
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Marcel nimmt dich heute mit in eine Solo-Episode auf Meta-Ebene.
Warum werden Organisationen immer häufiger mit moralischen Fragen konfrontiert? Und wie reiben sich diese Anforderungen mit dem Ziel des Geldverdienens?
Hör' gerne rein, wenn dich #zweck #diversity #nachhaltigkeit und #politicalcorrectness beschäftigen.
PS. Für ein so tiefgründiges Thema ist die Episode mit 11 Minuten angenehm kurz. 😊
Herzlich willkommen zu Für dich für andere, dem Podcast von Let's Lied. Ich bin Marcel und heute euer Gastgeber. Worüber rede ich heute? Über das Eindringen von Moral in Organisationen. Puh, ganz schön deeper Titel, ne? Also warum habe ich diesen Titel ausgewählt und warum will ich darüber reden? Und was bringt euch das? Ich glaube, dass ihr euch als Führungskräfte und Organisation vermehrt in Zukunft mit Moralfragen beschäftigen müsst. Und ich möchte euch ein paar Hintergründe geben, warum das so ist und vielleicht auch ein oder zwei Gedanken, wie ihr damit umgehen könnt, sodass es zur Gesamtwertschöpfung eurer Organisationen beiträgt. Okay, los geht's. Warum dringt Moral immer mehr in Organisationen ein? Kurze Aussage, weil es kein breites gesellschaftliches Narrativ mehr gibt, was der Gesellschaft hilft, zu unterscheiden, was gut und was nicht gut ist. Und habt ihr eine Idee, welches Narrativ das über Jahrtausende war, dass der Gesellschaft einen moralischen Kompass und eine moralische Stabilität geschenkt hat? Habt ihr eine Idee? Ich glaube, es ist Religion. Religion in dem Sozialsystem, Religion gilt gut und böse. Und diese moralische Instanz der Religion hat unser Zusammenleben über sehr, sehr lange Zeit sehr deutlich geprägt. Und ich sage weder gut noch schlecht, nur geprägt. Und diese Prägung, die nimmt in den letzten Jahren dramatisch ab. Und die Gründe sind natürlich vielfältig, die kennt ihr. Digitalisierung, Individualisierung, Aufklärung, Wissenschaft und vielleicht noch ganz andere Faktoren, die ich noch gar nicht weiß und richtig verstehe. Was aber wahrnehmbar ist, ist, dass die Mitgliederzahlen der Kirchen runtergehen, die Bedeutung von Kirche verliert und dass Menschen nicht mehr der Kirche folgen und ihr die Hoheit zuschreiben, zu entscheiden, was gut und was böse ist. Was ist die Konsequenz? Die Konsequenz ist, dass wir mit den Entwicklungen, die wir auch in der Welt haben, Klimawandel, Digitalisierung, ich sag mal, Umverteilung, Ungerechtigkeit, alles, was in der Welt so geschieht, wird quasi nicht mehr aus einer einheitlichen Brille moralisch betrachtet, sondern immer fragmentierter. Immer mehr Peergroups, Tribes, Gruppen machen sich Gedanken darüber, was gut und was schlecht ist in dieser Welt. Und das führt zu etwas, zu einer Neuausrichtung und einer vielleicht Neufindung in unserer Gesellschaft, was gut und was nicht so gut ist. Man kann das jetzt extremer formulieren. In den USA, glaube ich, wird es gerade intensiver gelebt. Dort gibt es auch diesen Begriff Culture, War, Kulturkrieg. Und auch der fängt so langsam an, rüber zu swappen, weil es gibt jetzt einfach auf etwas, was man nicht wissenschaftlich belegen kann, was man nicht beweisen kann, eine Streitfrage, was gut und was falsch ist. Und das ist auch immer eine Machtfrage. Also wer hat die Deutungshoheit und damit auch Einfluss und Macht. Und das äußert sich politisch in vielen, ich sag mal, Ereignissen. Und ein Ereignis ist die AfD, also rechts oder Sarah Wagenknecht, links. Also die Polarisierung, die aufgeht und dass die christlich-demokratischen Parteien und die sozialen SPD zum Beispiel quasi an Bedeutung dramatisch verloren haben. Also sie sind keine Volksparteien mehr, sondern es gibt mehr Breite in den Meinungen, bis ins Populistische und Extreme, also ein Reiben darum, was gut und was böse ist. Das passiert auch beim Klimawandel, ist der echt, ist der nicht echt? Das passiert beim Thema Purpose, in Organisationen Gewinnmaximierung, ist die noch gut, ist die nicht gut? Also es brechen überall Fragen auf, ist das, was gerade geschieht, gut oder böse und muss es geändert werden? Und jetzt gibt es ein Dilemma, weil, wenn ich das System theoretisch betrachte, sind Organisationen Spieler im Spiel Wirtschaft. Und im Spielwirtschaft gilt nur Zeit der Kunde oder Zeit der Kunde nicht. Verdient ihr Geld oder verdient ihr nicht? Wenn ihr mehr Geld ausgebt, als ihr einnehmt, wird der Staat euch den Laden zumachen, heißt dann Insolvenz. Aber das ist vielleicht auch ein bisschen kurz gesprungen, weil natürlich die Wirtschaft mit den anderen gesellschaftlichen Systemen verknüpft ist. Zum einen verknüpft mit euren Kunden. Und die Kunden sind beeinflusst durch die Gesellschaft. Das heißt, wenn Kunden moralischer werden, hat das Auswirkungen auf eure Produkte, eure Dienstleistungen, eure Präsentation, eure Website und alles, was dazukommt. Und ich glaube, da nimmt es zu. Also die Anforderungen an Moral nehmen zu. Und der andere große Strang ist, der euch quasi die Moral reinspült, ist Fachkräftemangel. Also viele Organisationen müssen sich vermehrt auf dem Arbeitnehmermarkt ausrichten und um neue Arbeitnehmer ringen und kämpfen, sich bewerben. Und dort gibt es auch neue Anforderungen an die Organisation, sich in irgendeiner Form moralisch zu positionieren. Für mich ein Ausdruck dieser Tendenz ist die ganze Purpose-Diskussion. Also was ist die moralische Botschaft der Organisation. Das hat was mit Wokeness zu tun, mit Gender. In ganz vielen Aspekten wird das neu ausverhandelt und dringt in die Organisation ein. Und damit gibt es eine neue Ausverhandlung in Organisationen zwischen dem Thema Geldverdienen und moralischen Anforderungen der Stakeholder, gerecht zu werden. Und gibt es dafür eine Lösung? Ihr kennt es vielleicht von uns oder vielleicht auch von mir, natürlich gibt es dafür keine Lösung. Das ist ein Aushandlungsprozess, und zwar ein sozialer. Und eine Einladung möchte ich euch aber machen, wenn ihr mit diesen Anforderungen umgeht, nämlich vielleicht nicht so schnell in die Falle zu tappen, auf moralische Fragen mit Moral zu antworten. Also euch zu sagen, das, was da an Anforderungen moralisch kommt, ist gut oder böse. Dann spielt ihr das Spiel ja quasi mit, um die Frage, was ist gut und böse, und das ist sehr stark gefühlsmäßig zu beantworten oder philosophisch, aber nicht so sehr mit Fakten oder mit in irgendeiner Form evidenzbasiert zu sehen oder zu beobachten. Was könnt ihr also tun? Da hilft die Systemtheorie wieder, nämlich zu sagen, zu erkennen, dass diese Muster entstehen, dass sie auftauchen und dass Menschen sich nicht gut oder böse verhalten, sondern in den neuen Spielregeln, die sich in der Gesellschaft etablieren, sich sinnhaft anschlussfähig verhalten. Und was löst das bei euch aus, in diesem Widerspruch oder in diesem Spannungsfeld aus Moral und Geld verdienen, aus Wirtschaftlichkeit und sich gut positionieren, etwas Gutes tun. Und diesen Widerspruch auszuhalten, heißt zum allerersten Mal, ihn überhaupt zu erkennen, sich bewusst zu machen, dass neue Kräfte an Organisationen ziehen und dass die Organisationen die Aufgabe haben, sich mit diesen Kräften auseinanderzusetzen. Also sich nicht moralisch zu positionieren, sondern sich auch wirtschaftlich zu positionieren. Was müssen wir tun, damit wir weiter Kunden zufrieden machen und Kunden unsere Produkte kaufen? Was müssen wir tun, damit wir neue Mitarbeitenden gewinnen? Und wie sehr verändert das auch die DNA und die Ausrichtung des Unternehmens? Weil gleichzeitig bleibt es dabei, dass ihr Geld verdienen müsst. Und immer wenn wir als Beratung irgendwo hinkommen und wir stellen fest, der Laden läuft nicht und die Zahlen sind schlecht, dann erlebt man ganz überall, was zuerst gekürzt und gestrichen wird, nämlich Kulturworkshops, Wertearbeit, dann verschwindet das alles und ich glaube auch zu Recht, also nicht in Gut und Böse, sondern nachvollziehbar. Man konzentriert sich dann auf die Wertschöpfung, auf das, was man für den Kunden leisten soll. Und wie diese Leistung aussieht, wie moralisch eingefärbt sie ist, das ist ein neuer Aushandlungsprozess, der euch, glaube ich, in den nächsten Jahren alle sehr, sehr fordern wird und damit auch eine Beschäftigung damit erfordert. Und meine wichtigste Einladung ist, diese Kräfte mit einer relativ ammoralischen Perspektive zu betrachten und diese Kräfte ernst zu nehmen und ihnen nicht blind zu folgen nach einem Hype, nach einem Trend. Wir müssen jetzt einen Purpose machen, also machen wir einen Purpose, sondern zu sagen, Moral wird für uns relevanter werden. Wir müssen uns damit beschäftigen, uns damit auseinandersetzen und sich gut zu überlegen, wie tun wir das. Und ich glaube, dass dieser Aushandlungs- und Besprechungsprozess in Organisationen oft noch nicht gemacht wird, sondern dass der eher so unterschwellig in die Organisation kommt und die Organisation so ein bisschen spielt. Und ich glaube, wenn man es besprechbar macht mit Stakeholdern, mit Teams, mit Führungskräften, mit Mitarbeitenden, wie wollen wir denn als Organisation uns in diesem Punkt Moral positionieren, dann kann es hoffentlich zu einer informierteren und bewussteren Entscheidung kommen. Und das ist ein ganz schwieriges Feld darüber zu reden, weil es eben so emotional ist. Es geht um Gut und Böse. Und das ist eine der stärksten Triebfedern, die wir haben, wie wir es in unserer sich leicht polarisierenden Gesellschaft eben jetzt auch erkennen. Und diesem Thema einen geschützten, also einen geschützten, guten Dialograum zu schenken in eurer Organisation, wird vermutlich eine Aufgabe sein, die ihr euch in den nächsten Jahren vermehrt widmen müsst. Mit dieser nicht so praxisnahen, aber hoffentlich erkenntnisreichen Aussage schließe ich für heute und hoffe, dass ihr alle für euch einen guten Weg damit findet, wie ihr Moral in eurer Organisation verarbeitet. In diesem Sinne.